Humanistische Religionskritik

Stellungnahme des Vorstands von Human-Etisk Forbund

17. November 2019

Humanistische Religionskritik

HumanistInnen stehen in einer religionskritischen Tradition, weil sie entweder zu verstehen geben, dass sie nicht an einen Gott glauben, oder weil sie aktiv Religion kritisieren. Aber nicht jede Religionskritik ist in selbem Maße humanistisch.

HumanistInnen sind dazu verpflichtet, die säkulare Gesellschaft vor religiösen Gruppen zu schützen, die anstreben, die Demokratie, den Rechtsstaat oder die Menschenrechte zu untergraben, indem sie versuchen, die Politik mit religiösen Einschränkungen und Forderungen zu beeinflussen.

HumanistInnen müssen sich gleichzeitig der Machtverhältnisse bewusst sein. Es ist ein Unterschied, ob eine Mehrheitskirche oder eine bedrohte ethnisch-religiöse Minderheit kritisiert wird. Ebenso gibt es einen Unterschied zwischen Religionskritik und der Kritik an staatlicher Ungleichbehandlung aufgrund der Weltanschauung. Humanismus ist nicht länger eine Bewegung der Rebellion, sondern Teil des norwegischen Mainstreams. Diese Tatsache verleiht Macht – und auf Macht folgt die Verantwortung.

Während die einen Kämpfe dringend sind, können andere warten. Um den Unterschied zwischen ihnen zu erkennen, sind sowohl diese Prinzipien als auch eine vielschichtige und unübersichtliche Wirklichkeit gegeneinander abzuwägen.

Keine Aspekte der Religion sind über Kritik erhaben. Dennoch sollten HumanistInnen Allianzen mit religiösen Menschen eingehen und diejenigen unterstützen, die ethische und wissenschaftliche Werte in den Religionen fördern, anstatt sie dafür zu kritisieren, dass sie mit uns nicht in allem übereinstimmen.

Eine humanistische Religionskritik muss im Einklang mit humanistischen Werten stehen. Eine Weltanschauung, die den Menschen ins Zentrum stellt, beinhaltet die Verpflichtung, es zu unterlassen und deutlich davon Abstand zu nehmen, durch Sprachgebrauch und Argumentation zu entmenschlichen.

Manchmal ist Religionskritik eine ethische Verpflichtung. Wenn religiöse Praktiken die Freiheit von Individuen unzulässig einschränken, ihre Grundrechte verletzen oder dazu verwendet werden, schwere Übergriffe zu rechtfertigen, ist es die Pflicht von HumanistInnen, dies zu benennen.

Religionskritik sollte auf eine konstruktive Weise vorgebracht werden. Manchmal kann ein freundliches Wort dazu führen, dass die Kritik gehört wird – sowohl bei denjenigen, die wir kritisieren als auch bei der allgemeinen Bevölkerung.

Humanistische Religionskritik ist gut informiert. Eine Bewegung, die für Wissenschaft und rationale Untersuchung der Welt steht, muss diesen Idealen auch dann gerecht werden, wenn sie Religion kritisiert. Dies macht die Religionskritik von HumanistInnen zutreffend und dadurch schlagfertiger.

HumanistInnen sollten kritisch prüfen, welchen Informationen sie vertrauen, und es unterlassen, unkritische Aussagen über Religionen oder religiöse Menschen zu verbreiten, nur weil jemand etwas sagt, das an unsere Vorurteile anknüpft.

Eine humanistische Religionskritik muss für Gegenargumente empfänglich sein und sollte ungünstige systematische religiöse Praktiken kritisieren, anstatt einzelne religiöse Menschen. „HumanistInnen ermutigen zur kritischen Untersuchung aller Ideen und Meinungen, einschließlich unserer eigenen“, heißt es dazu im Manifest der nordischen HumanistInnen 2016.


Original: „Humanistisk religionskritikk“. Quelle: human.no